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Mit “ohne Krawatte” gegen die drohende Klimakatastrophe?

26.12.2011

Als ich zum ersten Mal unser Kuppelrestaurant betrat, war ich gerade ganz frisch ins Augustinum Hamburg eingezogen. Es war Hochsommer, draußen brütend heiß und drinnen auch nicht viel kühler. So traf es mich wie ein Schock als ich die Damen in luftigen Sommerkleidern sah, die Herren jedoch in Sakko und Krawatte. Ich war leger gekleidet, ohne Sakko und mit offenem Hemd. Ich weiß nicht mehr, ob ich tatsächlich der einzige war, auf jeden Fall aber kam es mir so vor.
Wenn das hier Usus ist, dachte ich, dann konnte das ja heiter werden. Auf jeden Fall nahm ich mir vor, mich nicht einschüchtern zu lassen. Am nächsten Tag kam ich also wieder im offenen Hemd, am übernächsten und den folgenden Tagen ebenfalls. Ich weiß nicht, ob ich die Bekleidungs-Vorschriften im Augustinum - wenn es denn überhaupt welche waren - verändert habe oder ob die Zeit einfach reif war: Die Herren, die sich an mir ein Beispiel nahmen wurden immer mehr, die Krawattenträger immer weniger. Heute ist das alles kein Thema mehr und selbst Ministerpräsidenten lassen sich in der Öffentlichkeit ohne Krawatte sehen. Wie man im Fernsehen beobachten kann.
Lachen musste ich allerdings als ich jetzt in der Zeitung las, dass die chilenische Regierung den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes nicht nur erlaubte sondern sie sogar dazu aufforderte, bei der Arbeit keine Krawatten zu tragen. Die Begründung hatte allerdings nichts mit der Vergänglichkeit des “guten Tons” zu tun. Es ging der Regierung ganz einfach um mehr Effizienz beim Energieverbrauch. Es hieß: Mit Binder würde man mehr kühle Luft benötigen, um den heißen Sommer einigermaßen erträglich zu gestalten, weil sonst die Klimaanlagen jederzeit auf vollen Touren laufen müssten. Jetzt frage ich mich allerdings: Müssen die armen Kerle im Winter wieder umdenken, um möglichst viel Heizung zu sparen? So eine Krawatte macht ja bekanntlich auch richtig warm…
Und wie war das jetzt bei uns während der Weihnachtsfeiertage? Beim Festessen am heiligen Abend war ich mit meiner Familie zusammen, aber die Mittagsmenüs am 1. und 2. Feiertag habe ich mitgemacht. Fazit: Bei den Bewohnern eine Hälfte mit, die andere Hälfte ohne Krawatte, die Damen dagegen hatten sich alle hübsch gemacht. Die Bewohnergäste fielen zum Teil völlig aus dem Rahmen und sahen oft aus, als kämen sie direkt aus dem Fußball-Stadion. Dabei waren doch gar keine Fußballspiele… seltsam.
Aber von all dem abgesehen waren unsere Weihnachtsmenüs vom Feinsten.

Haben Sie eine Ahnung, wie viel Blödsinn allein durch falsche Übersetzungen angerichtet wird?

29.10.2011

Der Name Steve Jobs beherrschte in den letzten Wochen die Medien. Der Tod des Mitbegründers der Firma Apple, dem wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt, ist für viele ein Schock. Wem der Name Apple vielleicht nicht viel sagt, der hat bestimmt schon mal das Firmen-Logo, den angebissenen Apfel, gesehen. Ich bin Steve Jobs zum ersten Mal gegen Mitte der 80er Jahre begegnet. Nicht ihm persönlich – um Gottes willen, nein – sondern seinen Ideen. Damals hatte er gerade den ersten „Personal Computer“ in den USA auf den Markt gebracht. Unter der gleichen Bezeichnung „Personal Computer“ kamen die Apple Computer dann auch nach Deutschland. Ein Fehler, der die Firma Apple einiges Geld gekostet haben dürfte.
Der Grund: Den Begriff „Personal Computer“, der groß in allen Anzeigen stand, verstanden die Deutschen wörtlich – als einen Computer für das Personal der großen Unternehmen. Niemand machte sich Gedanken darüber, dass der Begriff „Personal“ im Englischen eine ganz andere Bedeutung hat als im Deutschen. Genau übersetzt hätte es heißen müssen „persönlicher Computer“. Steve Jobs hatte seinen „PC“ als einen Computer für jeden einzelnen von uns konzipiert. Sozusagen als Computer für das heimische Wohnzimmer.
Später hat auch der Letzte begriffen, dass die technischen Innovationen der Firma Apple – iMac, iPod, iPhone und iPad – sich stets an den Wünschen und Erwartungen der Verbraucher orientierten. Aber nicht nur mit bestechender Technik vermochte Jobs die Verbraucher zu überzeugen. Er hatte auch ein besonderes Gespür für das richtige Design. Als bei Apple die Produkte noch graue Kästen waren, soll er einmal zu seinen Mitarbeitern gesagt haben: „Wisst ihr, was nicht stimmt? Unsere Produkte haben keinen Sex.“ Das hat er gründlich geändert.
Für Apple Freaks in aller Welt war Steve Jobs deshalb „iGod“: ein genialer Visionär. Und er wird es wahrscheinlich auch noch lange bleiben. Ich habe jetzt gerade gesehen, dass es auch eine “Mac Bibel 2012″ gibt mit allen nur möglichen Anwendungsbeispielen für alle möglichen Apple-Produkte. Hartnäckig hält sich außerdem das Gerücht, der Meister hätte sich zuletzt noch mit der Entwicklung eines Fernsehers beschäftigt. Also demnächst “iTV” für alle? Man darf gespannt sein.

„Nicht ohne meinen Rucksack…“

08.09.2011

Es ging durch die Presse: Der Chef der Deutschen Bank in London, dem im nächsten Jahr noch größere Aufgaben bevorstehen sollen, fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dabei trägt er auf dem Rücken einen Rucksack, in dem sich, nehme ich an, ein Laptop und diverse Akten befinden. Möglicherweise auch sein Frühstücksbrot oder besser sein Müsli. Der Mann ist Inder und wie man liest Vegetarier.
Mit einer Aktentasche auf dem Fahrrad hätte es wohl auch Schwierigkeiten gegeben. Überhaupt: Taschen. Mit einer kriegt man schiefe Schultern, mit zweien hat man keine Hand mehr frei, um sich im Bus festhalten zu können. Deshalb war ich sehr froh, dass ich schon bald nach meinem Einzug ins Augustinum zwischen meinen Sachen einen Rucksack entdeckte, den ich schon ganz vergessen hatte. Irgendwann für einen Urlaub gekauft, leistet er mir nun seit Jahren gute Dienste. Meine Einkäufe im Supermarkt und auch sonst lassen sich wunderbar unterbringen, und im Bus habe ich beide Hände frei. Wenn ich allerdings einen Sitzplatz ergattere, was meistens der Fall ist, muss ich ihn leider abnehmen. Erstens sitzt es sich schlecht mit einem Rucksack auf dem Rücken und zweitens wird die Butter zerdrückt, wenn ich mich gegen den Sitz lehne.
Inzwischen habe ich mich so an meinen Rucksack gewöhnt, dass ich ihn schon ganz automatisch mitnehme, auch ohne etwas einkaufen zu wollen. Man kann schließlich nie wissen, was einem so unterwegs alles Schönes begegnet. Meine Mitbewohner haben sich schon daran gewöhnt, mich mit Rucksack zu sehen, wenn mich auch immer noch der eine oder andere fragt, ob ich denn zum Wandern wolle. Aber nachgeahmt hat mich noch keiner. Ich verstehe das zwar nicht, aber was solls: Jeder muss wissen, was er tut oder nicht tut.
Der Chef der Deutschen Bank aber hat mich nicht los gelassen. Ich wollte doch mal wissen, was so ein Manager auf dem Rücken trägt. Meine Recherchen im Internet ergaben Fürchterliches. Ich hatte den Begriff „Manager Rucksack“ bei Google eingegeben und fand ganz grausliche Rucksäcke, bunt und poppig und unbeschreiblich hässlich. Sie sahen nicht nur billig aus, sie waren es auch. Darum ging ich heute in ein gutes Lederwarengeschäft auf dem Jungfernstieg. Dort erfuhr ich erst einmal, dass es “Business Rucksack” heißt. Das Exemplar, das man mir vorlegte, war aus allerbestem Leder, hatte eine Inneneinrichtung mit mehreren Fächern, darüber hinaus diverse Außentaschen und war alles in allem „très chic“. Der Preis: Lockere 650 Euro. Ich empfand nichtsdestotrotz große Lust, noch einmal Manager zu werden. Schon um so einen edlen Rucksack zu tragen. Bloß ein Fahrrad würde ich mir nicht mehr anschaffen. Ganz sicher nicht.

Wer oder was wird uns in Zukunft „erleuchten“?

02.09.2011

Die Bewohner unseres Augustinums können sich die Beleuchtung ihres Appartements selbstverständlich ganz nach ihrem Geschmack und ihren Bedürfnissen zusammenstellen. Der eine schmückt sein Heim mit einem antiken Kristallleuchter, der andere setzt auf moderne Spotlights. Nur in einem Punkt sind alle Appartements gleich: Flur und Bad werden durch Einbauleuchten an der Decke mit 60-Watt-Glühbirnen bis in die letzte Ecke ausgeleuchtet.
So war es, bis die EU in ihrer grenzenlosen Weisheit durch die sogenannte Glühlampenverordnung alles durcheinander brachte und manchen Bewohner darüber hinaus zur Weißglut. Keine andere von „oben“ verordnete Umweltschutzmaßnahme hat bei der Bevölkerung soviel Unmut erzeugt wie die von allen Seiten angefeindete „Glühlampenverordnung“. Zwar scheint es tatsächlich so zu sein, dass unsere heiß geliebten Glühbirnen nicht mehr als rund 5% des verbrauchten Stroms in Licht umwandeln und der große Rest nur unnütz unsere Umgebung aufheizt , trotzdem war und ist der Widerstand gegen die neue Verordnung groß. Ein Grund war, dass das leicht bläulich kalte Licht der neuen alternativen Energiesparlampen den Leuten aufs Gemüt schlug und mit den hohen Preisen für diese Lampen ging man ihnen auch noch an den Geldbeutel. Davon, dass die billigeren unter den neuen Lampen auch eine ganze Menge schädliches Quecksilber enthalten und extra entsorgt werden müssen, einmal ganz zu schweigen.
Seit gestern geht es nun auch den 60-Watt-Glühbirnen an den Kragen. Gott sei Dank hat unsere „Haustechnik“ noch einen gewissen Vorrat an solchen Glühbirnen auf Lager, danach wird man 42-Watt-Halogenspots einsetzen. Die sparen um die 30% Strom, sind aber auch erheblich teurer in der Anschaffung.
Die teuersten Lampen sind die LED-Leuchten, die bis zu 50 Euro kosten. Pro Stück. Denen soll angeblich die Zukunft gehören, immerhin sparen sie um die 80% Energie. Und ihre Lebenserwartung soll dazu noch 25 bis 30 Jahre betragen. Das ist weit mehr als ich für mich selbst erwarte. Ich frage mich deshalb ernsthaft: Brauche ich noch solch eine teure Lampe? Aber das muss jeder mit sich selber abmachen. Lassen Sie sich auch nicht dadurch irritieren, dass auf den Packungen der LED-Lampen wahnsinnig niedrige Wattzahlen drauf stehen.
Obwohl noch 3 Glühlampen der alten Art bei mir in der Schublade liegen, habe ich mich - neugierig wie ich bin - mal in ein Elektronik-Kaufhaus begeben. Da gab es eine überraschende Auswahl an LED-Leuchten. Man sagte mir, für meinen Fall würde eine Leuchte mit 5,5 Watt oder 250 Lumen genügen. Kostenpunkt 14,95 Euro. Und das sollte ich glauben? Da setze ich lieber auf den Service unserer Haustechniker und lasse mir für 2,40 Euro eine der
60-Watt-Glühbirnen aus meinem Vorrat in die Decke drehen. Wenn die mal ihren Geist aufgegeben haben, sehen wir weiter.

Im Reich des Wachtelkönigs tut sich was…

29.08.2011

Wiesenralle, Knarrer, Schnärz.
Kommt erst im Mai anstatt im März.
Als Wachtelkönig, als crex-crex,
hat sie viel Namen, beinah sechs.
Ihr Nest macht sie im grünen Gras,
als wäre sie der Osterhas.
Die Kinderliebe läßt zu fest
sie manchmal sitzen auf dem Nest:
Den Bauern merkt sie erst zu spät,
drum wird sie oft mit abgemäht.
Eugen Roth

In dem Fall, von dem ich Ihnen jetzt erzählen will, geht es um die Frage: „Mensch oder seltener Vogel“, wer ist wichtiger?

Seit dem Jahre 2005 gibt es einen Baustopp für die letzten Kilometer der Autobahn 26. Das sind genau 8 km auf Hamburger Gebiet. Den damaligen Baustopp verfügte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg mit der Begründung, die Bauplaner hätten zu wenig die Lärmbelästigung für den vom Aussterben bedrohten seltenen Wachtelkönig im nahe gelegenen EG-Vogelschutzgebiet „Moorgürtel“ berücksichtigt.
Der Hintergrund: Mitglieder des Hamburger Vogelschutzbundes hatten zu ihrer eigenen Überraschung und Freude bei einer der üblichen Begehungen des Gebietes den nicht zu verwechselnden Ruf des besagten Vogels gehört. Zwar hatte niemand das scheue Tier zu Gesicht bekommen, aber Vogelkundler bestätigten, dass in einer lauen Nacht der Wachtelkönig das ihm eigene „Crex-crex“ tatsächlich bis zu 5.000 Mal hören lassen könne. Warum sollten ihn die Hamburger Vogelfreunde also nicht tatsächlich gehört haben? So trug denn der Hamburger Vogelschutzbund die frohe Kunde umgehend nach Brüssel und die zwangsläufige Folge war das Verdikt des Gerichts in Lüneburg.
Es kam zu einem endlosen Streit zwischen der Stadt Hamburg und dem für die letztgültige Baugenehmigung zuständigen Bundesverkehrsministerium. Das Ministerium schlug als Alternative eine Trassenführung weiter im Norden vor. Dort aber haben die Obstbauern im „Alten Land“ ihre Höfe. Und nicht nur das – sie hatten vom Hamburger Senat für ihre Höfe Bestandsschutz erhalten, weil sie Teile ihrer Grundstücke für die Verlängerung einer Airbus-Startbahn in Finkenwerder abgegeben hatten. Schweren Herzens, denn dazu muss man wissen: Das „Alte Land“ ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Deutschlands und verwaltet ein „Kulturerbe“ von nicht weniger als 35 verschiedenen Apfelsorten. Mindestens sechs Höfe hätten noch einmal einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Grund und Bodens hergeben müssen, wären vielleicht sogar endgültig in ihrer Existenz bedroht gewesen. Zu denken war aber nicht zuletzt auch an die lärmgeplagten Menschen in den kleinen Orten an der B 73, der „Todesstraße“ mit ihren engen Kurven und dem Schwerlastverkehr zum Hamburger Hafen. Sie warteten jahrelang sehnsüchtig auf den Weiterbau der A 26.
Nun endlich gibt es grünes Licht. Der Bund und die Stadt Hamburg haben sich geeinigt. Der Wachtelkönig bekommt eine 5 Mio. Euro teure Lärmschutzwand, eine Autobahndecke mit kostspieligem Flüsterasphalt und die Zusage für eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf maximal 120 Stundenkilometer. Im Jahre 2017 soll die Autobahn fertig sein. Hoffen wir, dass der seltene Vogel das noch erlebt.
Wir freuen uns jetzt aber erst einmal auf die neue Apfelernte aus dem Alten Land. Die kommt nämlich bestimmt.

Falls sie den Wachtelkönig mal „sehen und hören“ wollen: Googeln Sie ihn unter Wachtelkönig–Wikipedia. Anschließend gehen Sie am Ende des Textes auf Weblinks: Videos, Fotos und Tonaufnahmen.