Wer “Vertrauen” einfordert, sollte erst mal beweisen, dass er es auch verdient

Geschrieben am 17.01.2012 von Uwe Neumann

Kürzlich sah ich eine ganzseitige Anzeige über der ganz groß stand: “Hörgeräte sind Vertrauenssache”. Darunter das Foto einer sympathisch lachenden Dame und der Name der Firma, die hinter dieser Anzeige stand.
Zufällig war mir der Name bekannt, da diese Firma auch unsere Bewohnerinnen und Bewohner seit vielen Jahren berät und betreut und regelmäßig bei uns im Hause ist. (Nach meinem Eindruck haben übrigens viel mehr Herren Hörprobleme als Damen.) Als Werbemann finde ich, dass man durchaus etwas mehr sagen kann als nur das Schlagwort “Vertrauenssache”. Indem man beispielsweise sagt, dass man viele langjährige Kunden hat und über einen guten Namen in hochklassigen Seniorenresidenzen verfügt.
Eine Branche, die Vertrauen besonders gut gebrauchen kann, ist die Versicherungs-Branche. Da wirkt es geradezu verheerend, wenn das bisschen Vertrauen, das diese Branche überhaupt noch hat, in unverantwortlicher Weise verschleudert wird. Zum Beispiel indem man besonders erfolgreiche “Verkäufer” mit Lustreisen belohnt. Wie die Presse berichtete ist dies vor einiger Zeit bei gleich zwei Versicherungen geschehen.
Im ersten Fall, der bekannt wurde, ging es nach Ungarn. Ein Bordellbesuch war anscheinend offiziell im Programm inbegriffen und wurde anstandslos bezahlt. Ha, “anstandslos” ist ein gutes Wort für so etwas, finden Sie nicht auch?
Jetzt hat eine zweite Versicherung offenbar versucht, die Konkurrenz noch zu übertreffen. Die Reise ging nach Rio de Janeiro an die Copacabana wo die Tangas der Schönen am Strand so knapp wie sonst nirgendwo sind. Zwar wurde von höchster Stelle erklärt, dass ein eventueller Bordellbesuch ausschließlich privat gewesen sei. Ich mag ja ein bisschen prüde sein, aber ich finde auch die Verführung zu solchem Tun schon schlimm genug. Es gibt doch so viele schöne Ausflugsziele ganz ohne jegliches Gefährdungspotential. Noch einfacher ist es, wenn man an so schönen Reisen auch die Ehefrauen oder Freundinnen teilhaben lässt. Oder müssen sich Männer einfach mal “austoben”, um noch bessere Verkaufsergebnisse zu erzielen? (Eine “Nebenfrage”: Gibt es eigentlich gar keine weiblichen Versicherungsvertreter?)
Angeblich leidet die erste Versicherung, deren Lustreise publik wurde, immer noch unter dem Ansehensverlust in der Öffentlichkeit und bei ihren Kunden. Leider muss man ja bekanntlich, wenn man als Versicherungsnehmer eine Lebensversicherung vorzeitig kündigt, mit immensen Abschlägen rechnen. Die Gefahr, dass jemand solche Konsequenzen zieht, dürften wohl ziemlich gering sein. Aber potentielle Neukunden werden sich einen Abschluss vermutlich zwei mal überlegen, wenn sie erfahren, wohin ihr Geld geht. Rund 200.000 Euro soll die Reise immerhin gekostet haben.
Ich finde: Die Vorgesetzten, die solche Reisen planen oder stillschweigend genehmigen, ohne die Folgen für die eigene Firma zu bedenken, sollten wegen Dummheit und Verantwortungslosigkeit gemaßregelt oder im Wiederholungsfall zum Kloschrubben verdammt werden.

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