Spätes Hobby: Yes I can – „Gepunktetes“
29.09.2010Es mag 40 Jahre zurück liegen, da stand ich auf einem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs. Mein Anschlusszug nach Hamburg war mir vor der Nase weggefahren. Jetzt hatte ich fast eine Stunde Zeit. Was tun? In Steinwurfweite lagen der Dom und das Museum Ludwig, bekannt für „Kunst der Moderne“. Ich entschied mich für das Museum. Geboten wurde eine Sonderausstellung „Abstrakte Malerei“. Eigentlich so gar nicht mein Fall. Und dann die Überraschung: Ich kann die Bilder der verschiedenen Künstler nicht im Einzelnen beschreiben. Jedenfalls heute nicht mehr. Aber ich stellte fest: Jeder Strich saß genau an der richtigen Stelle. – Daran musste ich jetzt denken, als ich die abstrakten Bilder sah, die ein Mitbewohner im Augustinum Hamburg „produziert“. Wie es dazu kam? Lassen wir ihn selber sprechen:
„Ich hatte mich während meiner langjährigen Tätigkeit als Architekt nicht nur beruflich mit dem Zeichnen und dem Malen beschäftigt. Schon während des Studiums befasste ich mich mit den verschiedensten graphischen Techniken, wie Holzschnitt, Linolschnitt, Radierung und Kohlezeichnung. Späterhin habe ich meine Seereisen in nördliche Gefilde in Reiseskizzen und Aquarellen festgehalten.
Als ich dann ins Augustinum zog, war mir zunächst das Schreiben – insbesondere das Plattdeutsche – als produktive Tätigkeit verblieben: Glossen, Satiren, Kurzgeschichten, Romane und vor allem Hörspiele. Würde meine Phantasie mir das aber auch für die Zukunft gestatten?
Deshalb hatte ich gelegentlich schon angekündigt: Wenn eines Tages der Lebertran und damit die Vitamin-D-Gaben meine Ganglien nicht mehr genug fördern und nur noch kurzes, kümmerliches Schreibwerk meinem Hirn entspringt, und phantasievolle Spinnereien wie mein Hörspiel „Handy im Kabeljau“ nicht alle Tage anfallen, dann fange ich wieder an zu malen, um halbwegs Produktives zu schaffen.
Bescheidenerweise dürfte ich eigentlich weniger vom Malen reden; ich arbeite mit Farben und Formen mehr oder weniger abstrakt. Es ist eher eine graphische Spielerei unter Anwendung beschränkter, aber vor allem auch ungewöhnlicher Mittel, als da sind: Wein- und Sektflaschen-Korken, Schnapsgläser und abgesägte Pinselstiele, die ich in vielfältig gemischte Acrylfarben „eintunke“, um sie dann auf unterschiedlich farbig grundierten Flächen dekorativ tupfend „abzudrücken“. Gestaltet zu verschiedenartigen Flächen-Gliederungen, die es der Phantasie des Betrachters überlassen, daraus eigene Vorstellungen zu entwickeln.
Damit erst einmal begonnen, macht es Riesenspaß, neue und andere Farb- und Formgebilde entstehen zu lassen, und dabei immer wieder neuen Ideen Raum zu geben. Und – egal, ob und was dabei entsteht – wichtig ist mir zumindest , dass, ob schreibend oder malend-tupfend-punktend, ich produktiv bin und sein kann. Im „fortgeschrittenen Alter“ scheint mir das – für mich jedenfalls – das Entscheidende zu sein.“
Ich sagte eingangs schon, dass ich die Werke meines Mitbewohners selbst gesehen habe. Ich war stark beeindruckt und bedaure es daher sehr, keine Möglichkeit zu haben, in meinem Blog bildliche Darstellungen unterzubringen. Aber im Prinzip kann jeder „punkten“, Sie auch. Und Flaschen, Schnapsgläser, Korken haben Sie doch auch. Dann brauchen Sie nur noch Farbe und für den Anfang ein Blatt Papier. Die “Punkte” setzen Sie dann so, dass sich daraus ein „Bild“ ergibt.
P.S.
Dies, liebe Blog-Besucher, ist der fünfte Bericht über ein Hobby im Alter. Vier davon kommen aus dem Augustinum Hamburg. Vielleicht, weil man mich dort persönlich kennt und weiß, dass ich “vertrauenswürdig” bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der übrigen 20 augustinischen Häuser keine “Hobbys im Alter” haben. Also: Wenn auch Sie von einem “Späten Hobby” erzählen wollen, schicken Sie bitte einen Text, versehen mit Ihrem Namen oder auch anonym, an Uwe Neumann, c/o Augustinum Hamburg, Neumühlen 37, 22763 Hamburg. Oder per e-mail an Info@Augustinum.de . Ich schreibe dann dazu eine kurze Einleitung und einen “Ausklang” - wie bei den bisherigen Berichten auch. Geben Sie sich einen Schub! Ich bin sicher, dass sich die Leser freuen würden.