In Hamburg lässt sich gut Feste feiern…
Geschrieben am 28.08.2010 von Uwe NeumannUnser „Rustikales Sommerfest“ sollte am letzten Donnerstag um 18 Uhr in unserem Garten stattfinden und wurde dann wegen des wechselhaften Wetters in unsere Empfangshalle zuzüglich einiger Nebenräume verlegt. Dort hatte man alles wunderbar vorbereitet und festlich geschmückt. Ich habe mir sagen lassen, dass die ersten Teilnehmer schon eine halbe Stunde früher da waren.
Ich selbst – das muss ich gestehen – kam allerdings erst 1 Stunde später. Meine Entschuldigung: Ich hatte mich in ein Buch „verbissen“, das mir neue Erkenntnisse für einen Vortrag in der nächsten Woche liefern sollte. Darin erzähle ich die Lebensgeschichte von Lord Nelson, seiner Geliebten, Lady Hamilton sowie ihres Gemahls Sir William Hamilton, des englischen Botschafters in Neapel. Es war die berühmteste Dreiecksbeziehung - vornehmer ausgedrückt „Ménage à trois“ - der damaligen Zeit und ein Skandal ohne Gleichen.
Auf ihrem Weg von Neapel nach London im Jahre 1800 - Sir William hatte die Altersgrenze erreicht - machten die Drei, wie ich jetzt nach meiner neuesten Lektüre weiß, nicht 2 oder 3 Tage in Hamburg Station sondern kaum vorstellbare 11 Tage. In dieser Zeit besuchten sie unter anderem den ganz in unserer Nähe wohnenden Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock, der ihnen eine „Nelson Strophe“ zu lesen gibt, die er nach der Seeschlacht von Abukir seiner bekannten Ode „Freude und Leid“ hinzugefügt hatte. Die englische Kolonie schließlich feierte ihren berühmten Landsmann im “Bowling Rink”, dem Boßelhof, wo man normalerweise so etwas Ähnliches wie Boule spielte. Mehr als Tausend Personen waren geladen. Es wurde an nichts gespart: Dinner, Konzert, Supper und Ball lösten einander ab.
Drei Tage danach ließ Nelson das Postschiff, das regulär zwischen Cuxhaven und Yarmouth verkehrte, auf eigene Kosten nach Teufelsbrück kommen, um dann direkt von Hamburg aus England anzusteuern.
Zu unserer Grillparty kamen zwar keine Tausend sondern nur Hundert Personen, aber das waren immerhin 2/3 unserer Bewohnerschaft. Aber auch die wurden verwöhnt und fühlten sich sichtlich wohl. Als ich, wie gesagt mit einer Stunde Verspätung, zu meinen Mitbewohnern stieß, konnte ich gerade noch 2 schön braun gebrannte Bratwürste ergattern. Nackenkarbonade und Salate waren allerdings noch reichlich da, aber daraus mache ich mir persönlich nicht so viel. Desto besser schmeckte mir das frisch gezapfte Bier. Die meisten hielten sich allerdings an Rot- und Weißwein, denen bis zum Ende des Abends reichlich zugesprochen wurde. Es soll auch noch einige stärkere Sachen gegeben haben.
Zur allgemeinen Unterhaltung hatte man einen Bänkelsänger engagiert. Der trug eine Fischermütze und ein blaugestreiftes Finkenwerder-Fischerhemd, ging von Tischreihe zu Tischreihe und begleitete sich selbst abwechselnd mit dem Akkordeon oder der Gitarre zu bekanntem Hamburger Liedgut von Hans Albers bis zu den Gebrüdern Wolf. Darunter auch das berühmte Lied „An’ne Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband…“ Für Nichthamburger: Tüdelband ist die plattdeutsche Bezeichnung für einen metallenen „Trudelreifen“, der von den Kindern mit der Hand oder einem Stock voran getrieben wird. Das Publikum ging bei den Gesangseinlagen begeistert mit, überraschend viele kannten sogar die Texte. Auch geschunkelt wurde hier und da, wenn man sich nicht gerade unterhielt. Die Stimmung war jedenfalls bombig, so gar nicht hanseatisch unterkühlt.
Ich habe mir sagen lassen, dass die Letzten erst gegen Mitternacht den gastlichen Ort verließen.
30.08.2010 um 04:32
Früher ist alles besser und nicht nur gut gewesen!
Ich liebe die Gebrüder Wolf, bei Albers wird mir mau im Magen, weil all seine Filme und Lieder leider nur ein feines Stück Vergangenheit sind.
Klopstock aber – ja, auch er gehört der Vergangenheit an, einer, die niemand von uns hat erleben dürfen – der schlägt aus Wörtern Rhythmen raus.
So möcht behaupten ich, ich pfeif’s euch durch die Flöte: Friedrich Gottlieb war’s, nicht Schiller und nicht Goethe … der nämlich abseits des Massenbewusstseins die antike Metrik so in die deutsche Prosodie hat einbinden können, dass deren Regeln erhalten worden sind.
Nur Johann Christian Friedrich Hölderlin kann sich, obwohl gegen Schiller und Goethe beide (Klopstock, Hölderlin) wenig erwähnt werden, in dieser Disziplin mit Klopstock messen. Schließlich geht es hier um Sprachentwicklung und nicht um Werke! Und genau in diesem Punkt sind die berühmten beiden unterlegen und in der Fachliteratur für Metrik und Versgeschichte plötzlich die kaum erwähnten Dichter, die zwar gewusst haben, wie man die komplizierten Muster hat umsetzen müssen, die die sprachliche Entwicklung ausgerechnet in ihrem Genre aber nicht mitentwickelt haben.