Archiv für 07.2010

Mit der „Bergziege“ ca. 60 m zur Elbe runter und im großen Bogen wieder rauf

13.07.2010

Im Westen Hamburgs liegen die „Elbvororte“. Wir in Neumühlen gehören fast auch schon dazu. Blankenese ist der wohl bekannteste der Elbvororte. Ich behaupte: Geborene Blankeneser tragen von allen Hamburgern die Nase am Höchsten. Aber das merken normalerweise nur Insider. Auf jeden Fall verstehen sie sich auf die Kunst des Understatement.
Am Blankeneser Bahnhof steigen Hamburger und Touristen gern in den Bus Nr. 48 um, die sogenannte “Bergziege”. Die Original-Bergziege ist ein kurzer, schmaler Bus für knapp 30 Fahrgäste. Damit bringt der Fahrer seine Kundschaft in der Regel unfallfrei mitten durch das enge „Treppenviertel“ runter an die Elbe und in einem großen Bogen wieder zurück zum Bahnhof. Zuweilen muss der Bus stehen bleiben, weil andere Fahrzeuge ihm den Weg verstellen. Oder er muss zurücksetzen. Dann kann es schon mal passieren, dass der Fahrer den hinteren Passagieren zuruft, sie möchten doch mal gucken, ob auch hinten alles frei ist. Was die natürlich mit dem größten Vergnügen tun. Der Ton im Bus ist überhaupt sehr familiär. Das liegt besonders an den Ureinwohnern, die das „Treppenviertel“ hauptsächlich bewohnen, und sich natürlich alle gegenseitig kennen. Sie sind die Nachfahren von Kapitänen, Steuerleuten, Lotsen und Fischern und haben mit den Mitgliedern des Blankeneser “Kaufmanns-Adels” wenig am Hut.
Für mich ist die Fahrt mit der Bergziege immer wie Urlaub und auch ein Stück Vergangenheit. Immerhin habe ich vor ca. 50 Jahren, nachdem ich von Hannover nach Hamburg gezogen war, mal eine Zeitlang in Blankenese gewohnt. Was mich natürlich noch lange nicht zu einem Hamburger macht, geschweige denn zu einem Blankeneser. Letzteres schafft man nur im Laufe von Generationen. Wenn überhaupt.
Dazu passt folgende Anekdote: Ein Amerikaner, ein Franzose und ein alter Blankeneser sitzen zusammen bei einem ssst-eifen Grog. Erzählt der Ami, seine Vorfahren seien mit der „Mayflower“ im 17. Jahrhundert über den Großen Teich nach Amerika gekommen. Der Franzose führt seine Ahnen bis auf Charlemagne zurück. Der Blankeneser sagt: „Wir hier in Blankenese stammen von Adam und Eva ab, und diese Eva soll ja man eine geborene Breckwoldt gewesen sein.“
Es ist tatsächlich für einen echten Blankeneser kaum vorstellbar, nicht um eine von hundert Ecken mit den Breckwoldts verwandt zu sein. Immerhin tauchte in den ersten schriftlichen Unterlagen schon um 1490 ein Vieth Brekewolt auf, der das Fährrecht über die Elbe besaß. Heute weist das Hamburger Telefonbuch nach mehr als einem halben Jahrtausend die stolze Zahl von 59 Breckwoldts auf, von denen drei auch noch den Vornamen “Viet” tragen.

“Lassen Sie mich zufrieden mit der Jugend von heute…”

09.07.2010

Haben Sie das auch schon manchmal gedacht? Als ich kürzlich im Supermarkt war, passierte mir ein Malheur. Irgendwie hatte ich in einem Regal einen Packungsstapel angestoßen. Vielleicht war es meine Ungeschicklichkeit, oder die Packungen waren schlecht gestapelt – jedenfalls fielen 3 oder 4 von ihnen auf den Boden. Da konnten sie natürlich nicht liegen bleiben. Ich versuchte daher mühsam, in die Knie zu gehen, um sie aufzuheben. Als ich schließlich „unten“ war, sah ich ein Stück nackten Unterarm und eine Hand, die bereits die Arbeit für mich erledigt hatten. Der Arm war mit vielen Tätowierungen bedeckt, was mich ehrlich gesagt, ein bisschen schockierte. Wieder „oben“ angekommen, sah ich dann die ganze Person: Eine junge Frau mit einem Piercing in der Lippe, ich glaube zwei an den Augenbrauen und einem „silbernen“ Ring in der Nase. Dazu die nicht zu übersehenden Tätowierungen. Alles in allem nicht gerade mein Schönheitsideal. Aber das Lächeln, mit dem sie mir die Packungen überreichte, war ausgesprochen nett. Mein Dankeschön kam daher aus vollstem Herzen.
Meine erste Begegnung mit einem Nasen-Piercing liegt etliche Jahre zurück. Ich musste damals öfters zur Blutabnahme. Mein Arzt hatte diese Aufgabe an eine Laborantin delegiert, die das viel besser konnte als er. Auch das eine junge Frau. Allem Anschein nach stammte sie aus Indien. Ihre gut geformte Nase zierte eine winzig kleine Goldperle, wie man es in diesem Land häufig sieht. Das war nicht störend und schon gar nicht erschreckend, sondern einfach nur gut anzusehen. Sie sehen: Ich habe es nicht vergessen.
Nicht vergessen habe ich auch lange Diskussionen mit einem Cousin von mir, einem Mann, der mit aller Welt in Frieden lebte. Nur nicht mit seinem Sohn im besten Pubertätsalter. Der hatte sich Ende der 70er Jahre entschlossen, seine Haare lang zu tragen. Aus welchen Gründen auch immer. Seinen Vater brachte das auf die Palme. Er sah es offenbar als eine persönliche Beleidigung an. Ich habe ihm dann gesagt, er solle doch mal an Friedrich Schiller denken, einen unserer größten Dichter. Mein Cousin ist vor einigen Jahren relativ früh verstorben. Aber er konnte noch erleben, dass sein Sohn Professor an einer deutschen Hochschule wurde. Mit langen Haaren. Die trägt er auch heute noch.
Na, und dann unsere Fußball-Nationalmannschaft mit vielen jungen Spielern. Sympathisch, diszipliniert, offen. Das ist doch die beste Werbung für Deutschland und für die Jugend von heute. Natürlich gibt es auch Unangenehmes zu berichten: Jugendliche Schläger, die andere Menschen terrorisieren. Es ist gut, dass darüber in den Medien geschrieben wird. Aber wie wäre es, wenn gerade die Boulevard-Presse neben jeden Bericht über einen jugendlichen Bösewicht gleichzeitig ein positives Beispiel stellen würde? Es dürfte nicht schwer fallen, diese Beispiele zu finden. Wenn mir das sogar gelingt…

„3 Monate Gefängnis und drei Schläge mit dem Stock“

06.07.2010

Das war laut einer Meldung in mehreren deutschen Zeitungen, u.a. der „Welt“ und der „Süddeutschen“ die Strafe für einen Schweizer Staatsbürger, der in Singapur erwischt worden war, nachdem er sich unbefugt Zutritt zu einem U-Bahn Depot verschafft hatte und es ihm gefiel, dort einen U-Bahn Wagen mit Graffitis zu besprühen.
Mit diesem Urteil blieb das Gericht in Singapur deutlich unter der möglichen Höchststrafe. Denn für Vandalismus – dazu gehören offensichtlich auch die Graffiti-Schmierereien – sieht die Rechtsprechung in Singapur bis zu drei Jahre Haft und 8 Stockschläge vor. Außerdem muss der Täter selbstverständlich auch für die Schadensbeseitigung zahlen. Gegen die Vollstreckung der Gefängnisstrafe ist Revision möglich, gegen die Stockschläge nicht. Diese werden unter Aufsicht eines Arztes verabreicht. Die Schläge gehen auf das nackte Hinterteil nieder. Der Delinquent trägt lediglich einen Nierenschutz.
So weit die nackten Tatsachen, wie man sie in den ungefähr gleichlautenden Meldungen lesen konnte. Ich möchte betonen: Es waren sachliche Meldungen, keine Meinungen. Meinungen fand ich im Internet und zwar von ca. 100 „Usern“, die sich auf die gleiche Meldung bei „t-online“ bezogen. Rund 80% sprachen bei der verhängten Prügelstrafe von „Unmenschlichkeit“ und einer „Verletzung der Menschenwürde“. Keine hatte etwas gegen die Gefängnisstrafe einzuwenden. Der Rest begrüßte die Stockhiebe ausdrücklich und befand, dass hier endlich einmal richtig durchgegriffen wurde. Was sehr viel häufiger geschehen sollte, unter anderem vor allem auch bei jugendlichen Demonstranten, die mit Steinen auf Polizisten losgehen.
Ich muss gestehen: Selten war ich nach einer Zeitungsmeldung so hin und her gerissen wie nach dieser. Bei uns in Hamburg wäre das genannte Urteil natürlich unmöglich. Einmal, weil die Prügelstrafe in Deutschland seit langem grundsätzlich verboten ist und zum anderen, weil die Graffiti-Sprayer in der Regel ungeschoren bleiben. Wenn man sie zum ersten Mal auf frischer Tat erwischt, müssen sie allenfalls ihre Schmierereien selbst wieder beseitigen. Gegen einen stadtbekannten Sprayer, der 1984 nachweisbar mit dem Sprühen von Graffitis begann, und seine „Untaten“ ohne Unterlass fortgeführt hat, wurde 1992 erstmalig eine Haftstrafe verhängt, allerdings zur Bewährung ausgesetzt. Das hinderte ihn nicht, eifrig weiter zu machen. 1997 musste er dann tatsächlich nach verschiedenen Prozessen eine mehrjährige Haftstrafe antreten und – wurde nach seiner Entlassung prompt wieder rückfällig. Der von ihm angerichtete Sachschaden wird mittlerweile auf mehrere Millionen Euro geschätzt.
Da es sich bei dem Verurteilten in Singapur um einen Schweizer Staatsbürger handelte, interessiert mich nun sehr, was die Schweizer Presse dazu sagen würde. Bei einem Deutschen wäre unsere Presse nach meiner Einschätzung auf die Barrikaden gegangen, die Parteien jeglicher Couleur hätten ihren Senf dazu gegeben, die Kirchen, die Sozialverbände und wer weiß, wer noch alles.
Nun, es gelang mir, eine Neue Zürcher Zeitung aufzutreiben. Und auch dort wurde der Fall behandelt. Ebenfalls als Meldung, allerdings ein wenig ausführlicher als bei uns. Neu war dabei für mich – und für mein Urteil entscheidend – der Hinweis, dass die Schläge auf den nackten Hintern von „Profis“ mit aller Wucht ausgeteilt würden. Dabei würde regelmäßig die Haut aufplatzen und blutende Striemen bleiben. Ich vermute sogar auch Narben, die vielleicht für immer bleiben. Auch wenn sie an der betreffenden Stelle normalerweise für andere nicht sichtbar sind.
Mein Fazit: Die Gefängnisstrafe dürfte auch ein Mitteleuropäer leicht auf einer Po-Backe absitzen, zumal in es in einem Singapurer Gefängnis einigemaßen gesittet zugehen dürfte. Die Stockhiebe dürften tiefer gehen. Ob sie jedoch abschreckender wirken, wer will das sagen?

Sauerkraut wird bereits knapp…

03.07.2010

Vor einigen Tagen schrieb ich darüber, dass uns die englische Presse gern mal als „Hunnen“ bezeichnet, vor allem wenn es um ein Treffen unserer gegenseitigen Fußball-Nationalmannschaften geht. Eine andere gängige Bezeichnung für uns Deutsche lautet „Krauts“ und ist ebenfalls in England aber auch in den USA gebräuchlich. Man nennt so etwas „Ethnophaulismus“ - habe ich bisher auch nicht gewusst - und versteht darunter ein abwertende Bezeichnung für ein Volk, eine Nation oder eine landsmannschaftliche Gruppe. Nehmen Sie als Beispiel nur das von manchen Bayern angewendete „Saupreißn“, das offenbar für alle Bewohner nördlich des Mains gilt, gleichgültig ob die jemals zu Preußen gehört haben oder nicht.
Aber ich will nicht abschweifen. Bleiben wir bei den „Krauts“. Diese Bezeichnung bezieht sich auf diejenigen Menschen, die vorzugsweise Sauerkraut verspeisen, und das sind nun mal für viele Engländer und Amerikaner die Deutschen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man mich „Kraut“ nennen würde. Das ist immer noch besser als „Frogeater“ oder Froschfresser, wie die Franzosen lange Zeit von den Engländern genannt wurden. Ich habe einmal in Deutschland, genauer gesagt in einem Land-Gasthof im Odenwald, Froschschenkel gegessen. Die erinnerten an sehr zartes Hühnerfleisch und waren sehr lecker zubereitet. Also durchaus empfehlenswert, wenn man mal etwas Neues ausprobieren möchte.
Wie wir alle wissen sind die Engländer, die Franzosen und auch der letzte Weltmeister, nämlich die Italiener auch „Spaghettis“ genannt, in Südafrika längst ausgeschieden. Nicht so wir Deutschen, wir sind mindestens bis heute Abend noch drin. Und was habe ich da jetzt gelesen? In Kapstadt, wo heute unser Spiel gegen Argentinien stattfindet, wird das Sauerkraut knapp. In Kapstadt gibt es rund 20.000 Deutsche. Nicht wenige davon kaufen beim deutschen Schlachter ein. Da gibt es „Fußball-Knacker“ zu kaufen und natürlich neben anderen deutschen Delikatessen auch Sauerkraut. Auch der „Paulaner Biergarten“ hat schon eine Menge Reservierungen für den „Tag danach“. Ob dann das Sauerkraut aus Freude oder Frust verzehrt wird, ist den Besitzern wahrscheinlich ziemlich schnuppe. Und selbst wenn die Bestellungen nicht so toll laufen sollten – ein Gutes hat Sauerkraut: Es hält sich. Genauso wie wir „Krauts“.

P.S. am 05. 07.:
Ein cleverer Sauerkrautfabrikant könnte jetzt viel Geld verdienen, wenn er schleunigst etliche Tonnen “Kraut” per Luftfracht nach Südafrika schickt. Vielleicht besteht ja auch gesteigerter Bedarf in England und Argentinien? Als Aufbaunahrung für die nächste Fußball-WM. Wer weiß?