Archiv für 04.2009

In augustinischen Häusern weiß man zu leben und zu feiern

30.04.2009

Was ist 15 Jahre jung und 55 Jahre alt? Ganz einfach: Das eine ist das Augustinum Hamburg, das andere die Urzelle des deutschlandweit tätigen Sozial-Dienstleisters, das Augustinum Neufriedenheim in München. Das besteht seit dem Jahre 1954, also seit nunmehr 55 Jahren. Hamburg folgte 1994 als vorläufig zweitletztes von heute insgesamt 21 Wohnstiften der Gruppe. Im Herbst kommt dann Nr. 22 hinzu: Stuttgart-Killesberg, das zweite Haus der Augustinum-Gruppe in dieser Stadt. Lange sehnsüchtig erwartet, denn das Interesse in Stuttgart ist groß.
Am 5. Mai ist es aber erst einmal bei uns so weit: In einem Festakt feiern wir Hamburger unser 15-jähriges Jubiläum. Hohe Gäste werden erwartet,  so der ehemalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau , in dessen damalige „Regierungszeit“ der Bau und die Einweihung des Hauses fielen sowie der Vorsitzende der Gruppe, Prof. Dr. Markus Rückert. Sie beide werden – neben dem Stiftsdirektor des Augustinum Hamburg, Dr. Christian Bendrath – die Festreden halten. Eingeladen sind des Weiteren Honoratioren der Stadt, Freunde des Hauses, Nachbarn und als Hauptsache – so denke ich jedenfalls – wir Bewohnerinnen und Bewohner. Selbstredend darf auch die Presse nicht fehlen, wer sollte sonst die frohe Botschaft weiter tragen? Den Feierlichkeiten angemessen spielen drei bildhübsche junge Damen – jedenfalls nach den Fotos zu urteilen, die ich gesehen habe – klassische Musik. Es ist das mit Preisen überhäufte Boulanger Trio.
Nach dem offiziellen Teil werden wir uns alle in unser berühmtes Kuppel-Restaurant begeben. Allerdings nicht zum Mittagessen sondern zu einem Stehempfang mit Sekt und kleinen kulinarischen Köstlichkeiten. Ich muss gestehen: Für mich ist das immer eine große Versuchung. All die dienstbaren Geister, die einem laufend lauter Leckereien unter die Nase halten, und immer wieder Sekt nachschenken. Es ist grausam: Man redet mit vielen Menschen und merkt gar nicht wie viel man isst und trinkt. Da muss ich mich mächtig am Riemen reißen, um nicht ganz und gar die Kontrolle zu verlieren. Aber wahrscheinlich geht es nicht nur mir so.
Übrigens ist es keineswegs so, dass für uns Bewohner das Mittagessen ersatzlos gestrichen wäre. Weit gefehlt! Wir werden dafür am Abend entschädigt und dürfen genüsslich “dinieren”, mit einem schönen Glas Wein oder auch zweien. So kann man den Tag auch ausklingen lassen. Ich nehme an, Sie werden es mir bestätigen: In augustinischen Häusern weiß man in der Tat zu leben und zu feiern.

Google-Mania – Auf einen “Biss” - noch ein bisschen mehr Bildung gefällig?

25.04.2009

Letztes Mal hatte ich die Frage aufgeworfen: „Kann das Internet auch Bildung vermitteln?“ Ich sagte: „Ja!“ Heute nun wollte ich gern den Beweis antreten. Nach einigem Nachdenken gab ich bei Google „Belletristik Bestseller“ ein und war gespannt, was passieren würde. Die Google-Liste wies als ersten Beitrag „SPIEGEL-Bestseller Hardcover“ aus. Nach dem obligatorischen KLICK erschien eine Auflistung von 25 Titeln. Ehe ich näher darauf eingehe, will ich kurz erklären, wie die Bestsellerliste des SPIEGEL überhaupt zustande kommt.
Die erste Liste wurde 1961 veröffentlicht. Seit dieser Zeit ermittelt das Fachmagazin „buchreport“ die Listen durch elektronische Abfrage der Verkäufe einer Woche bei rund 350 Buchhändlern, die so ausgewählt wurden, dass sie mit ihren Umsätzen und Standorten der Gesamtheit des Buchhandels in Deutschland entsprechen.
Wenn wir einen Blick auf die Liste von Woche 17 werfen, fällt auf, dass die Positionen 1 und 2 von Stephenie Meyer eingenommen werden mit ihren Büchern „Bis (Biss) zum Ende der Nacht“ und „Bis (Biss) zum Abendrot“. Aber das ist noch nicht alles, jedenfalls, was Stephenie Meyer betrifft. Zwei weitere Bücher aus der Tetralogie, nämlich „Bis (Biss) zur Mittagsstunde“ und „Bis (Biss) zum Morgengrauen“ erscheinen auf den Plätzen 13 und 16. Wenn Sie den Titel „Bis (Biss) zum Ende der Nacht“ anklicken, erhalten Sie eine Inhaltsangabe, können eine Gratis-Leseprobe genießen und auch ein Kurz-Portrait der Autorin. Wer es noch nicht weiß – ich wusste es bisher auch nicht – Stephenie Meyer (der Vorname schreibt sich wirklich so, weil nämlich ihr Vater „Stephen“ heißt) ist eine junge amerikanische Autorin und die „Biss“-Romane sind eigentlich Jugendbücher. (Aber Harry Potter wird ja auch mit Begeisterung von Erwachsenen gelesen.) Dies und mehr über Stephenie Meyer und ihr Werk erfahren Sie, wenn Sie direkt den Namen bei Google eingeben.
Im Übrigen erscheint in der SPIEGEL-Liste als Nr. 7 das berühmt-berüchtigte Buch „Feuchtgebiete“, von dem ein ernstzunehmender Mann wie Roger Willemsen schreibt: „Radikal, drastisch und ebenso zart. Ich erinnere mich nicht, ein Debut-Manuskript in der Hand gehabt zu haben, so sicher, so mutig und so voller Gegenwart wie dieses.“ Selbstverständlich ist mir klar, dass man Verkaufserfolge nicht mit “Qualität” gleichsetzen kann. Bevor Sie mich jetzt also für einen Scharlatan halten und diesen Text verärgert verlassen, geben Sie doch einfach mal „Literatur-Nobelpreisträger“ ein. Vor Ihnen erscheint die „Liste der Nobelpreisträger für Literatur“, insgesamt 94 Männer und 11 Frauen sowie das „Wann“, „Wer“ und die „Begründung für die Preisvergabe.“ Thomas Mann erhielt ihn 1929 vornehmlich für seinen großen Roman „Buddenbrooks“, Heinrich Böll 1972 für “eine Dichtung, die durch ihre Verbindung von zeitgenössischem Weitblick und liebevoller Gestaltungskraft erneuernd in der deutschen Literatur gewirkt hat” und schließlich Günter Grass, weil er “in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat.”
Übrigens: Wenn Sie in der Google-Bestsellerliste eine andere Titelreihenfolge vorfinden, kann das daran liegen, dass möglicherweise eine neue Woche begonnen hat. Hier erscheint am nächsten Samstag ein neuer Google-Mania-Beitrag mit dem Titel “Mord und Totschlag”. Sie dürfen gespannt sein.

Japans „Alte“ werden abgewertet. Und was blüht uns?

23.04.2009

Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Hundertjährige wie in Japan. Angeblich liegt das daran, dass man in Japan so viel Fisch isst. Was sich mit einer geringeren Anzahl an Herzinfarkten auszahlt. Da könnte man im Gesundheitsministerium eigentlich zufrieden sein. Ist man aber nicht. Der Grund: Die Zahl der Hundertjährigen nimmt derart zu, dass den Verantwortlichen im Ministerium Angst und Bange wird. Mehr als 20.000 waren es im letzten Jahr. Und jeder hat Anspruch auf ein ganz besonderes Hundertjährigen-Geschenk.
Seit 1963 nämlich – das ist gar nicht so lange her – wird jedem, der dieses Alter erreicht hat, ein Silberpokal überreicht. Bei damals 159 Jubilaren war das kein Problem, aber bei 20.000? Und das mitten in einer Wirtschaftskrise und bei steigenden Silberpreisen! Wahrscheinlich hätten bei uns in Deutschland die Politiker keinerlei Hemmungen, die Pokal-Verteilung kurzerhand wieder abzuschaffen. Aber in Japan? Da war man schon immer stolz auf den sensiblen Umgang mit den Älteren. Das gebot allein schon der traditionell und auch religiös tief verwurzelte Respekt vor dem Alter. Was also war zu tun?
Irgendjemand fand schließlich das Ei des Columbus: „Machen wir doch einfach den Pokal ein wenig kleiner!“ Gedacht, getan. Jetzt hat der Pokal statt eines Durchmessers von 10,5 cm nur noch einen von 9 cm. Da ist er auch nicht mehr so schwer, und es kann sich kein Hundertjähriger, dessen Hände vielleicht schon ein wenig zittern, dran verheben. Überreicht wird der Pokal übrigens traditionsgemäß am 15. September, dem Tag des „Respekts vor dem Alter.“
Vielleicht sollten wir in Deutschland auch einmal solch einen Tag einführen. Egal, ob mit oder ohne Silberpokal. Aber das Wort „Respekt“ scheint bei uns schon lange ein Fremdwort zu sein. Was meinen Sie?

Wir sind das Augustinum der “kurzen Wege”…

21.04.2009

Bei uns geht der ganze Verkehr in die “Senkrechte”, denn unsere Fahrstühle sind unsere “Lebensader”. Unsere Appartements gruppieren sich in allen Stockwerken jeweils im Viereck um den inneren Kern unseres Hauses, und das ist das Treppenhaus mit  3 nebeneinander liegenden Fahrstühlen. Der Vorteil: Niemand hat mehr als 30 Schritte (Schritte! Nicht Meter!) bis zum nächsten Fahrstuhl zu gehen. Die Fahrstühle fahren vom Keller und dem dort befindlichen Schwimmbad über die Station “Erdgeschoss” mit den Gemeinschaftsräumen und den Räumen der Administration bis zur Endstation “Kuppel-Restaurant” im 13. Stock. Unterwegs hat man Zeit genug, um sich einen ganzen Lebenslauf zu erzählen. Manchmal kann das so fesselnd sein, dass das Gespräch auch beim Aussteigen nicht abreißt – mit einem Bein noch drin und einem außerhalb des Fahrstuhls. Die Stimmen kann man schon mal bis in die nächsten Etagen hören, was bei den Wartenden Zeichen von Belustigung und Verständnis oder auch Unmut hervorruft. Aber so lange nicht gerade einer der Aufzüge von der Service-Firma gewartet wird, läuft der Verkehr doch normalerweise reibungslos.
Nur so gegen 1/2 12 Uhr ist alles anders. Wer um diese Zeit vom Einkaufen kommt und schwer bepackt im Erdgeschoss steht, kann schon mal die Geduld verlieren. Dann sind die 3 Fahrstühle allesamt auf dem Weg nach oben. Wenn’s mir mal wieder so geht, sage ich mir: „Na klar, die Leute sind jetzt auf dem Weg in den 13. Stock, in unser Kuppel-Restaurant.“ Und dann frage ich mich: „Es gibt doch erst um 12 Uhr was zu essen. Sterben die vor Hunger oder haben die Angst keinen Platz zu kriegen?“
Tatsache ist: Wir haben genug Platz im Restaurant. Ganz egal, wann jemand zum Mittagessen kommt – das geht offiziell von 12 und ½ 2 – einen Platz findet er immer. Natürlich gibt es „Essens-Gemeinschaften“ von  4 oder 6 Personen, die gern zusammen sitzen möchten. Aber das wird nach meiner Erfahrung von allen respektiert. Und wenn man sich nun tatsächlich mal an einen Tisch setzen muss, wo schon jemand Fremder sitzt, ist das zwar nicht „hanseatisch“, aber auch kein Beinbruch. Vielleicht macht man sogar eine nette Bekanntschaft. Wer weiß? Aber damit weiß ich immer noch nicht, warum die Leute bereits um ½ 12 ins Restaurant strömen. Ob ich mal einen Versuch wage? Morgen um ½ 12?

Einen Tag später:
War heute um ½ 12 mit vielen anderen, vorwiegend Damen, im Restaurant. Fand ein gut bestücktes Salat-Büfett vor – zugegeben, wenn ich normalerweise gegen 13 Uhr komme, ist da bereits einiges ziemlich leer geräumt. Auf jeden Fall kann man sich also bereits zu dieser Zeit an den Salaten delektieren. Dann hat man schon mal was Gesundes im Magen. Von wegen Vitamine, Ballaststoffe und so. Und ab 12 geht’s dann an die Fleischtöpfe, wenn man nicht gerade Vegetarier ist. Also: Alles in Butter unter der Glaskuppel. Und der Andrang auf die Fahrstühle ist geklärt und lässt sowieso schon bald nach 12 mehr und mehr nach, weil sich dann alles über die Zeit verteilt.

Google-Mania - Was ist “Bildung” und was bedeutet “Wissen”?

18.04.2009

Nach dem Lesen meines Google-Mania-Beitrages „Wer nicht neugierig ist, kann nichts lernen“ vom 26. 03., schrieb Klaus Behrendt einen Kommentar. Er zitierte die FAZ, in der gestanden habe, Günther Jauch sei der Meinung, dass das Internet „Bildung“ nicht ersetze. Seine Kinder hingegen – Mitte 40 – würden diese Meinung nicht teilen. Man kann also streiten.
Nicht streiten kann man bei der Frage, ob das Internet denn „Wissen“ vermittelt. Das tut es ganz sicher. Ich nehme an, Sie werden mir da zustimmen. Danach wäre nun die Debatte eröffnet: Was ist Bildung, was ist Wissen? Um mich darüber schlau zu machen, habe ich recherchiert. Natürlich im Internet. Ich gab bei Google ein: Bildung, Allgemeinbildung, Wissen, Allgemeinwissen. Antworten gab’s in Hülle und Fülle. Und das bedeutet wohl: Man kann sich weiter streiten.
Der Begriff „Bildung“ wurde von dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart in die Deutsche Sprache eingeführt. Er bedeutete für ihn das „Erlernen von Gelassenheit“ und wurde als „Gottessache“ angesehen, „damit der Mensch Gott ähnlich werde.“ Eine andere und praktischere Definition stammt von Wilhelm von Humboldt. Ihm zufolge ist Bildung „die Anstrengung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.“ In beiden Fällen geht es also offenbar mehr oder weniger um die Formung der eigenen Persönlichkeit. Nicht umsonst spricht man ja auch von „Herzensbildung“.
Im Gegensatz zum humanistischen Bildungsbegriff bezeichnet das oft zitierte  „Allgemeinwissen“, das vielfach synonym verstanden wird, einen Grundbestand von „Wissen“. Dieser Grundbestand wird oft mit der bloßen Information gleichgesetzt, die sich jeder Mensch aneignen kann. Es ist das, „was man von der Welt wissen sollte.“ Das umfasst, wie es dem modernen Verständnis von „Wissen“ entspricht, dem abfragbarem Wissen, das im Gegensatz zum humanistischen Bildungsverständnis  nicht persönlichkeitsbildend sein muss.
Und was bedeutet das alles für das Surfen im Internet? Als mir die Idee kam, zu Ostern den Osterspaziergang in meinen Blog zu stellen, habe ich kurz überlegt, wo ich wohl am Schnellsten fündig werden würde: In meinem Bücherregal mit unheimlich vielen – leider ziemlich unsortierten Büchern – in unserer Haus-Bibliothek mit etlichen Metern Goethe oder im Internet. Da ich bereits „drin“ war, fiel mir die Entscheidung leicht. Eine schnelle Eingabe bei Google, den Text kurz markiert und in meine Datei „Blog-Texte“ übernommen, und schon konnte ich kürzen und ändern, wie ich es für nötig hielt. Das animierte mich, anschließend „Faust II“ im Internet aufzusuchen. Mit viel Erfolg, kann ich nur sagen. Unter anderem fand ich auch eine Reihe von Rezensionen der besten Aufführungen aller Zeiten. Frage: Habe ich nun etwas für meine Bildung oder für mein Allgemeinwissen getan? Ich sehe jedenfalls einen Unterschied zu meinem nächsten Internet-Besuch. Der galt nämlich der Einsteinschen Relativitätstheorie. Sicherlich hochinteressant. Ich glaube allerdings nicht, dass dieser Ausflug in Technik und Moderne irgendetwas  zu meiner Persönlichkeitsentwicklung beigetragen hat.
Der nächste Beitrag zu Google-Mania erscheint am nächsten Samstag.