Weggucken oder den Mund aufmachen?
04.10.2008Immer wieder lesen wir, dass das Messer heute bei vielen Leuten locker sitzt. Fast könnte man denken, wir befänden uns im Wilden Westen vergangener Zeiten. Meistens sind es Jugendliche, die oft aus nichtigem Anlass zustechen. So geschehen in einer Hamburger S-Bahn. Ein älterer Herr forderte einen Jugendlichen auf, das Rauchen in der Bahn einzustellen. Ob dazu auch noch „böse“ Worte fielen, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall sah sich der Jugendliche veranlasst, dem Mann ein Messer in den Bauch zu stoßen. Wenn ich mich richtig erinnere, mit tödlichen Folgen.
Natürlich ist das Rauchen in der Bahn nicht erlaubt. Aber muss man als unbeteiligter Fahrgast daraus eine „Staatsaktion“ machen, nur weil man im Recht ist? Gerade wir Älteren neigen dazu, für Recht und Ordnung zu sorgen, man kann auch sagen: den Besserwisser herauszukehren. Ich entsinne eine Gelegenheit, wo ich mit meinen beiden Töchtern, beide damals Mitte zwanzig, und ich war sicher schon um die 60, in einem Berliner Park auf einer Mauer saß. Wir schauten einfach nur in die Weltgeschichte und sonnten uns. Neben uns saß ein junger Mann und las in einer Zeitung. Immer, wenn er einen Teil gelesen hatte, nahm er die Seiten mit „spitzen“ Fingern und ließ sie demonstrativ auf den Boden fallen. In mir kochte es. Ich überlegte ernsthaft, ob wir ihm zu dritt wohl gewachsen waren. Und dann siegte doch mein Verstand.
Der Staat fordert von seinen Bürgern mehr Zivilcourage. Ich meine: Wenn Mitbürger drangsaliert oder angegriffen werden, sollte man nicht wegsehen, aber auch nicht ins „offene Messer“ laufen. Sondern überlegen, wie man Hilfe herbeiholen kann. Und wenn jemand in der Bahn unzulässiger Weise raucht, kann man sich zur Not einen anderen Platz suchen und sich damit trösten, dass ihn die gerechte Strafe schon irgendwie und irgendwann ereilen wird.