Einer der letzten schönen Tage hatte mich zu den „Elbterrassen“ gelockt. Das ist ein „Strand-Café“ in Sichtweite des Hamburger Augustinums, mit Palmen (in Kübeln), Strandkörben, Liegestühlen und natürlich vielen, vielen Tischen, an denen sitzen kann. Bei Kaffee und Kuchen, großen Eisportionen, kleinen Snacks, einem Bier oder mehreren, kurz, es gibt dort nichts, was es nicht gibt. Im Notfall sogar Wärme von oben, wenn die Sonne mal nicht scheint. (Was in Hamburg ab und zu vorkommen soll.) Dann kommt die Wärme von mannshohen „Heizpilzen“. (Die Dinger sehen nicht nur so aus, die heißen auch so.) Wer es zusätzlich noch gern von unten warm haben möchte, dem wird sogar kostenlos eine Wolldecke gestellt, in die er sich einmummeln kann.
Um mich herum waren die Tische – außer meinem – voll besetzt. Was zwei ältere Damen, so um die 75 und 60, bewogen haben mochte, schnurstracks auf mich zuzusteuern. Sie fragten mich, ob bei mir noch frei wäre. Das war nun so gar nicht Hamburger Art. Bei uns setzt man sich nicht einfach zu wildfremden Menschen an den Tisch. Natürlich konnte ich nichts dagegen haben. Die Damen unterhielten sich ziemlich laut. Als plötzlich der Name Augustinum fiel, spitzte ich die Ohren. Wer hätte das nicht getan? Die eine Dame sagte gerade: „…wenn man pflegebedürftig wird, muss man ausziehen und ohne Trauschein lassen die einen gar nicht erst einziehen.“ Das war zu viel für mich. Spontan gab ich mich als Bewohner des Augustinums zu erkennen und setzte zu einer Richtigstellung an. Ich erklärte der Dame, dass erstens Pflegebedürftige bei uns nicht auf eine Pflegestation kämen, sondern in ihrem Appartement, in ihrer gewohnten Umgebung, gepflegt werden würden und zweitens, dass ich mindestens zwei unverheiratete Paare bei uns kennen würde. Und überhaupt, woher sie denn diese falschen Informationen hätte? Ich muss wohl etwas erregt ausgesehen haben, jedenfalls redeten sie beide beruhigend auf mich ein und meinten, es wäre gut, dass sie in mir einen Experten gefunden hatten. Und dann schossen sie gleich einen ganzen Fragenkatalog auf mich ab.
Die jüngere Dame wollte unbedingt wissen, ob wir denn zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein müssten. Ich verneinte und meinte, ich käme nicht selten erst um Mitternacht oder noch später nach Hause. Mir schien, die Damen sahen mich plötzlich mit ganz anderen Augen. Da hatte ich ja was angestellt. „Und wenn man über Nacht wegbleiben will, muss man dann Bescheid sagen?“ Ich sagte: „Nein, nur falls Sie bis zum Mittagessen nicht wieder zurück sind.“ Großes Fragezeichen bei den Damen. Woraufhin ich erklärte, dass beim Mittagessen gewissermaßen ein Zählappell stattfinden würde. Es könnte ja sein, dass sich jemand in seinem Appartement befände, bewusstlos und nicht in der Lage, sich bemerkbar zu machen. Das leuchtete den Damen ein. „Kriegt man denn zum Mittagessen einen bestimmten Platz zugewiesen?“ war die nächste Frage. Die Antwort lautete natürlich, dass es bei uns absolut freie Platzwahl gibt. Nachdem ich schließlich noch erklärt hatte, man könne auch selber kochen, dürfe gern sein eigenes Telefon mitbringen, aber es wäre sowieso eins im Appartement, für den Fernseher gäbe es Kabelanschluss, dessen Kosten im Pensionspreis enthalten wären, ja, und Hunde, Katzen, Vögel, Fische seien, wenn sie nicht beißen und keinen Lärm machen würden, herzlich willkommen, war ich dann in Gnaden entlassen und durfte meiner Wege gehen.